Manchmal muss man Prioritäten setzen. Und manchmal bedeutet das eben, zwei Urlaubstage für einen Konzertabend zu verballern. Im Fall von Nevermore und Savatage auf dem Kunstrasen Bonn war die Entscheidung definitiv richtig.
Schon die Location macht grundsätzlich einiges her. Der Kunstrasen liegt wunderbar und ist vom Bonner Hauptbahnhof mit dem Bus auch überraschend gut zu erreichen – zumindest, wenn man erst einmal herausgefunden hat, wo genau man einsteigen muss. Der Name „Kunstrasen“ weckt allerdings gewisse Erwartungen: Etwas mehr davon unter den Füßen wäre durchaus nett gewesen. Am Ende des Abends sahen die Schuhe jedenfalls eher nach einer mehrstündigen Wanderung durch die Felder aus.


Geschenkt. Denn entscheidender waren zwei andere Dinge: Der Sound war hervorragend und große Teile des Publikums konnten mehrere Stunden im Schatten verbringen. Bei den sommerlichen Temperaturen war das Gold wert und machte den Abend erstaunlich erträglich.
Weniger angenehm und inzwischen leider kaum noch überraschend: die Getränkepreise. So durfte sich nach dem Konzert zumindest noch ein Händler am Bonner Hauptbahnhof über einige Taler freuen, die gegen einen Liter Cola Zero den Besitzer wechselten.
Nevermore: Viel zu schnell vorbei
Nevermore waren an diesem Abend weit mehr als nur das klassische Vorprogramm. Tatsächlich gehörte der Auftritt zu den besten Support-Shows, die ich bislang gesehen habe.
Neun Songs standen auf dem Programm – und das war eindeutig zu wenig.
Die Band präsentierte sich enorm stark und hinterließ vor allem einen Gedanken: Sollte daraus 2027 tatsächlich eine Clubtour entstehen, bin ich dabei. Und falls irgendjemand Wünsche entgegennimmt: Bitte ins Turock!
Einziger kleiner Wermutstropfen war das Fehlen von „Believe in Nothing“, das hervorragend ins Set gepasst hätte. Aber wenn man sich nach einem Support-Auftritt darüber ärgert, dass dieser schon vorbei ist, hat die Band vermutlich ziemlich viel richtig gemacht.
Savatage: Nach Oberhausen eigentlich nicht mehr zu toppen


Bei Savatage war die Ausgangslage für mich persönlich schwierig.
Denn da war immer noch Oberhausen 2025.
Der Auftritt in der Sauna namens Turbinenhalle 1 bleibt für mich das beste Metal-Konzert, das ich bislang erleben durfte. Genreübergreifend muss sich Savatage lediglich einem gewissen David Gilmour geschlagen geben.
Entsprechend hatte ich meine Erwartungen für Bonn im Vorfeld bewusst etwas heruntergeschraubt.
Was vermutlich vollkommen unnötig war.
Denn auch dieser Savatage-Abend war herausragend.
Mittlerweile merkt man der Band deutlich an, wie perfekt sie wieder miteinander eingespielt ist. Gleichzeitig wirkt das Ganze keineswegs routiniert oder heruntergespult. Ganz im Gegenteil: Savatage schaffen es weiterhin, jeden Abend wie etwas Besonderes aussehen zu lassen.
Dabei hilft auch, dass die Setlist keineswegs komplett in Stein gemeißelt ist.
Hallo, Mr. Harris!
Gerade deshalb durfte man sich in Bonn über einige Songs freuen, die 2026 keineswegs jeden Abend gespielt wurden. Besonders „Warriors“, „Unusual“, „Tonight He Grins Again“ und natürlich „The Wake of Magellan“ sorgten bei mir für große Begeisterung.
Ein wenig hatte ich noch auf „Follow Me“ gehofft. Aber irgendwann muss man auch aufhören, gierig zu werden.
Plötzlich steht Jon Oliva auf der Bühne – irgendwie
Ein einzelnes Highlight aus einem Savatage-Konzert herauszupicken, fällt ohnehin schwer. Dafür liebe ich schlicht zu viele Phasen dieser Band. Im Grunde kann Savatage nahezu jeden Song aus dem eigenen Katalog spielen und bei mir damit einen Treffer landen.
Die größte Überraschung des Abends war dennoch eindeutig „Warriors“.
Denn plötzlich stand da am Mikrofon nicht einfach nur Chris Caffery.
Da stand gefühlt Jon Oliva.
Stimme, Ausdruck, Gestik – für einige Minuten hatte der Mountain King offenbar einen Weg gefunden, Besitz von seinem Bandkollegen zu ergreifen.
Wie genau das funktioniert hat?
Als alter Fringe-Fan hätte ich da durchaus die eine oder andere Theorie.
Chris Caffery und eine Band ohne Starallüren
Überhaupt: Chris Caffery.
Herausragender Musiker, unfassbar leidenschaftlich, selbstironisch und jemand, bei dem man auch abseits der Bühne das Gefühl bekommt, dass hinter dem Künstler ein sympathischer Mensch steckt.
Dasselbe lässt sich eigentlich über die gesamte aktuelle Savatage-Besetzung sagen.
Denn bei allem, was diese Musiker in ihrer Karriere erreicht haben, entsteht weiterhin nicht der Eindruck, dass sie die Reaktionen des Publikums als selbstverständlich ansehen. Wenn Tausende Menschen ihre Songs feiern, sieht man den Herren auf der Bühne immer noch an, wie viel ihnen das bedeutet.
Vielleicht macht genau das einen Teil des besonderen Savatage-Gefühls aus.
Die beste Metal-Band dieses Planeten?
Was bleibt nach diesem Abend?
In einer gerechten Welt würden Savatage vermutlich längst die größten Stadien füllen.
Aber die Welt war noch nie gerecht.
Und die Musikwelt schon gar nicht.
Umso schöner ist es, mitzuerleben, wie diese Band derzeit ihren dritten, vierten oder vielleicht auch fünften Frühling erlebt. Nach all den Jahren, Unterbrechungen und Unsicherheiten stehen Savatage wieder auf europäischen Bühnen – und wirken dabei nicht wie eine nostalgische Reunionveranstaltung, sondern wie eine lebendige Band, die immer noch etwas zu sagen hat.
Hoffentlich bleibt das noch lange so.
Fünf Jahre. Zehn Jahre. Gerne mehr.
Hauptsache, wir dürfen die beste Metal-Band auf diesem Planeten weiterhin regelmäßig in unseren Breitengraden begrüßen.
Nur einen Wunsch hätte ich noch:
Vielleicht irgendwann einmal im Herbst oder Winter.
Denn ein Savatage-Konzert bei unter 35 Grad würde ich durchaus gerne einmal erleben.